Lastenräder & Cargos – die Königsdisziplin für Motoren

Lastenräder sind meist groß, schwer und vor allem teuer. Können sie einen PKW, einen Transporter oder gar einen kleinen LKW ersetzen? Praktisch sind sie ja, das durfte ich in den 14 Tagen mit dem GSD erfahren, doch wie sieht es mit der Ökonomie aus? Was bieten einem die über 5.000 Euro?

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„Der Mitarbeiter von Shimano fragte in die Halle voller Händler und Hersteller, wer denn schon einen defekten Steps Motor hatte … RUHE … STILLE … kein einziger Arm ging hoch.“

Du wohnst in einer kleinen oder großen Stadt, hast ein oder zwei Kinder und so gar keinen Bock auf die Parkplatzsuche jeden Tag? Dann hast du wie viele andere aus der gegebenen Situation heraus oder sogar aus ökologischen Aspekten bereits ein Lastenrad erworben und fährst allein oder mit der Familie durch die Stadt. Das ist SUPER!

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Doch wie sieht es bei Selbstständigen, kleinen Betrieben, Mittelständlern oder gar Konzernen aus? Kleintransporter (z.B. VW Caddy) oder gar große Transporter (z.B. Mercedes Sprinter) gilt es zu ersetzen, das heißt, Fahrer samt Material oder Güter müssen irgendwie untergebracht werden. Dabei müssen die Cargos teils unter enormen Zuladungen beweisen, aus welchem Holz sie geschnitzt … naja, oder besser, was die verbauten Komponenten alles können.

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Neben dem Rahmen, der die gesamte Last verteilt, und den starken Felgen samt Naben, die die Fuhre rollbar machen und den Bremsen, die die Fuhre auch wieder anhalten können, ist der Motor insbesondere in hügeligen und bergigen Städten eine stark beanspruchte Komponente. Wie lange dieser seine Arbeit verrichtet, das versuche ich in meinem Blog zu dokumentieren. Doch es gibt Firmen, die sehen mehr als ich mit meinen paar zusammengewürfelten Meldern, nämlich Betreiber von Lastenrad-Flotten oder aber noch besser, Betreuer von Lastenrad-Flotten, die sich mit Gewährleistungsfällen befassen – das ist zum Beispiel PUNTA VELO.

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PUNTA VELO – großgefächertes Angebot und geballtes Know How

In einer FB-Gruppe habe ich Julian kennengelernt, er antwortete zum Thema „Wie lange hält der Shimano Mittelmotor“. Nach ein paar Antworten von 4.000km, 6.800km und meinem üblichen Schaubild vom Pedelecmonitor, in dem Melder StepsFan mit seinem Trekkingbike über 30.000km hat, kam Julian mit Laufleistungen in Lastenrädern von weit über 60.000km – WOW! Grund genug, ihn direkt anzuschreiben.

Dabei erfuhr ich, dass Julian bei Punta Velo arbeitet, hast du vorher nie gehört? Ich auch nicht! Neben Dorsten und Essen hat Punta Velo auch Showrooms in Berlin und Köln. Dort können u.a. Lastenräder (Fokus: Bullitt) probegefahren, konfiguriert und gekauft werden. Warum nun Punta Velo so interessant ist? Weil Julian und seine Kollegen maßgeblich am Aufbau von Lastenrad-Flotten beteiligt sind!

Der in Deutschland bekannteste Konzern mit einer Lastenrad-Flotte ist sicher DHL, diverse Cargos für München, Hamburg, Berlin und Frankfurt wurden bereits ausgeliefert. Erprobt wurde das Konzept vorher in Amsterdam.

Doch Punta Velo ist auch international tätig, so gehen sehr viele Bullitts an private Kunden in ganz Frankreich oder eben ein Dutzend Bullitts nach Paris für einen Flottenaufbau, die Anpassungen an Kunden sind äußerst vielfältig. Ebenso wird das Prozedere bei Gewährleistungs- und Kulanzfällen übernommen.

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Doch zurück zum Thema, lohnt sich ein Lastenrad für einen Selbstständigen, einen Handwerker, einen Kleinbetrieb?

Dafür müssen besondere Voraussetzungen gelten:

  • Das Erschließungsgebiet hat einen kleinen Aktionsradius von idealerweise 10-20km, bei Projektarbeiten, die im Anschluss im Büro oder zu Hause getätigt werden können, sind auch Kunden in bis zu 50km Entfernung möglich.
  • Städte mit viel Stau und Parkplatzmangel sind für den Einsatz von Lastenrädern hervorragend geeignet.
  • Werkzeug und Material müssen in die abschließbare Transportbox passen, alternativ kann noch ein Lastenanhänger gezogen werden.

Wie das aussehen kann, ist ein der Doku „planet e – Auto adé“ in der ZDF Mediathek zu sehen, ab Minute 14:00! Schornsteinfeger Skrobek nutzt in Berlin zum Teil Lastenräder anstelle von Kleintransportern.

Julian meinte, in Dänemark sei ein Bullitt mit über 100.000km unterwegs, das Foto vom Tachostand ist er mir noch schuldig.

Was soll das heißen? Keine Angst vor technischen Problemen, die Motoren, in dem Fall das Shimano Steps System ist sehr sehr zuverlässig. In den vergangenen zwei Jahren musste Julian nicht einen Motor aufgrund eines Schadens reklamieren. Die genaue Anzahl der ausgelieferten E-Lastenräder verriet er nicht, doch es waren viele, sehr viele!

Betriebskostenvergleich Kleintransporter und Lastenrad

Die Technik passt also, sofern die Rahmenbedingungen auch passen, geht es an die rein ökonomische Betrachtung. Dabei ist der Vergleich schwierig, denn bei diversen Handwerksbetrieben befinden sich teils teure Sondereinbauten in den Transportern. Hier geht es also rein um das Basisfahrzeug.

Die Betriebskosten von relativ aktuellen Kleintransportern können in diesem PDF nachgelesen werden, ich war besonders überrascht, dass die Kosten pro Kilometer in zwei Fällen die 30 Cent Marke unterschreiten.

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Die Betriebskosten für ein E-Lastenrad sind ebenfalls schwer kalkulierbar, daher waren einige Annahmen zu treffen:

  • Kosten für Anschaffung 6.000€
  • 20.000km / Jahr durch weniger Parkplatzsuchverkehr und direkte Wege, bei Kleintransportern wurden 40.000km / Jahr angenommen
  • Energieverbrauch aufgrund des hohen Gewichts ca. 1kW / 100km
  • Nutzungsdauer 36 Monate, danach Restwert noch 20%, also 1.200 Euro.

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Nach 36 Monaten bzw. 60.000km komme ich bei den u.g. Verschleißteilen auf gerundet glatte 3.000 Euro, hier die Aufzählung:

  • Bremsbeläge tauschen alle 3.000km (20 Euro)
  • Bremsscheiben tauschen alle 9.000km (40 Euro)
  • Reifen tauschen alle 9.000km (100 Euro)
  • Kette und Kassette tauschen alle 6.000km (90 Euro)
  • Sofern die Arbeiten nicht selbst durchgeführt werden, kommen noch jeweils 40 Euro pro Werkstattbesuch dazu.

Die Kosten für Energie belaufen sich bei 1kW / 100km und angesetzten 60.000km auf 600kW bzw. 180 Euro in 3 Jahren.

Die Verwaltungskosten kopiere ich vom PKW, das sind in 3 Jahren 460 Euro.

Die ENRA bietet eine Versicherung für 200 Euro pro Jahr an, nicht enthalten ist ein Tausch bei einem defekten bzw. verschlissenen Akku.

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Alle anfallenden Kosten der 36 Monate zusammenaddiert ergeben einen Betrag von 9.040 Euro, das sind 251,11 Euro pro Monat und 15,1 Cent pro Kilometer.

In besonders hügeligen Einsatzgebieten kann sich die Kilometerangabe bis zur Verschleißgrenze bei Bremsbelägen und -scheiben halbieren! Dann müssen ca. 700 Euro mehr Materialkosten pro 60.000km gerechnet werden.

Meist werden in Lastenrädern Nabenschaltungen verbaut, die sind in der Anschaffung zwar etwas teurer, halten aber im Vergleich zur klassischen Zahnkranzschaltung wesentlich länger! Sehr beliebt ist hier die Nexus 8.

Ob das nun eher eine Milchmädchenrechnung ist, werden die Kommentare zeigen.

[FOTOS: PUNTA VELO]

Lastenräder mit Mittelmotoren

Lastenradhersteller gibt es viele, nicht jeder Motorenhersteller ist in einer solchen Anwendung vertreten, beispielsweise Impulse, Panasonic und Brose. Nachfolgend einige willkürliche Beispiele:

  • Babboe (Yamaha)
  • Bullitt (Shimano, Brose in Planung)
  • Chike (Shimano)
  • Kargon (Continental)
  • Riese & Müller (Bosch)
  • Urban Arrow (Bosch)

KARGON

Als absoluter Exot sticht aus der unvollständigen obigen Liste KARGON mit dem Continental System heraus.

Kargon_KidsFrame

Doch das ist noch nicht alles, was das Kargon-Konzept auszeichnet:

  • Eine Seilzuglenkung ermöglicht Lenkeinschläge von mehr als 90 Grad.
  • Der Rahmen hat ein Gewicht von unter 7 kg.
  • Bissige Magura Bremsen sorgen für eine brachiale Verzögerung.
  • Verbaut wird der Continental Prime mit 48V und 70Nm maximalem Drehmoment.
  • 5 Anbindungspunkte am Rahmen sorgen für eine variable Ladefläche.

Kargon_Gruppe

Durch den bisher nicht weit verbreiteten Motor bin ich auf KARGON aufmerksam geworden, dann kam das besondere Rahmenkonzept dazu, was mein Interesse steigerte, die Seilzuglenkung machte mich dann zum Fan.

Mir gefällt ganz besonders die Transparenz des Teams, so kann man auf Facebook gelegentlich sehr interessante Einblicke in die Werkstatt bekommen.

Ob der Motor von Continental ein zuverlässiger Langläufer ist, kann man noch nicht sagen, das Kargon Testrad mit der hochsten Kilometerleistung hat derzeit etwa 4.000km, Gewährleistungsfälle gab es bisher keine (Danke Frank für deine Unterstützung!).

[FOTOS: KARGON]

CHIKE

Auch die Macher von Chike setzen auf das Shimano Steps System. Der enorme Vorteil für Hersteller ist, dass im Vergleich zu Bosch mit seiner Softwareanpassung für jedes Bike und jede Schaltung bei Shimano signifikant weniger Motoren abgenommen werden müssen. Für kleine Firmen mit geringen Stückzahlen ist das ein riesen Vorteil.

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Neben dem sehr coolen Package Konzept beim e-Kids gefällt mir besonders die mehrspurige Vorderachse mit der Neigetechnik.

Werden beim Kunden im Betrieb Schwachstellen entdeckt, geht sofort der Verbesserungsprozess los, ein Beispiel war die Kritik von Schoensa am Sonderzubehör Boxen, welche nur im abgenommenen Zustand zu öffnen waren. An den 2019er Modellen wurde das Konzept geändert, die Boxen können nun auch montiert geöffnet werden. Insgesamt ist der Service von Chike für Kunden und auch (Noch-)Nicht-Kunden großartig.

Auch bei Chike musste bisher kein Motor getauscht werden, das Chike mit der höchsten Laufleistung hat in etwa 7.000km, ein Messebesucher teilte dies mit. (Danke Manuel Prager für die Info!)

FOTO & VIDEO: CHIKE]

Die Cargobike Roadshow 2019

Wer nun so richtig Bock auf ein Lastenrad bekommen hat, kann dies in naher Zukunft sogar in mehreren Großstädten im Süden Deutschlands testen und vergleichen. Mehr Informationen zur Cargobike Roadshow findest du hier.

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Der Artikel könnte als Werbung verstanden werden. Chike und Kargon wurden erwähnt, weil ich auf Mails umgehend informative Antworten bekomme. Julian von Punta Velo mit den hohen Kilometerangaben war der Keim dieses Artikels. Herzlichen Dank an Julian, Frank und Manuel Prager für die bereitgestellten Informationen.

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