Pedelecmonitor on Tour (3)

Drei Tage beruflich nach Berlin, da wollte ich auch den einen oder anderen Berliner Melder kennenlernen … aber irgendwie hatte niemand Zeit oder wohnte viel zu weit weg – SCHADE! Dafür stolperte ich eher zufällig über den Ampler Showroom im Prenzlauer Berg und konnte mir ein Bild vom Berliner Radverkehr in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg machen … einfach krass!

„Montag streikt die BVG, die Straßen kollabieren, es bleibt nur noch das Fahrrad!“

Als alter Randberliner war ich früher oft mit dem Fahrrad unterwegs, man kommt einfach schneller damit von Stadtteil zu Stadtteil und muss keinen Parkplatz suchen. In den letzten 3 Tagen in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg habe ich weit über 1.000 stehende und fahrende Bikes gesehen … davon waren 3 Pedelecs … ja, DREI! Ich habe mich gewundert, warum ich in Berlin und Potsdam in Summe nur 4 Melder habe, die Antwort, man braucht in Berlin kein Pedelec, außer man transportiert Lasten oder viele Kinder oder aber hat einen echt langen Arbeitsweg. Wenn ich sehe, wie mit dem stehenden Material umgegangen wird, würde ich ein 3.000 Euro teures Pedelec auch nicht im Sammelfahrradständer abstellen … NEE, ECHT NICH!

Radfahren in Berlin

Montag 1. April 2019 in Berlin – Busse, U-Bahnen und Trams werden bestreikt – ein Aprilscherz? NEIN! Auf den Hauptstraßen bewegt sich wenig, auf der Stadtautobahn bewegt sich nichts. Das System kollabiert, es bleibt nur noch das Fahrrad – oder zu Hause bleiben! Von Tegel wird gelaufen oder auf ein Taxi gewartet, dass dann im Stau steht, aber man darf erstmal eine Stunde auf ein Taxi warten!

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Der Pedelecmonitor und Fahrradpolitik passen nicht zusammen, daher berichte ich nur mal, was ich gesehen habe und unterdrücke meine eigene Meinung.

Die meisten Eindrücke habe ich von der südlichen Friedrichstraße zwischen Unter den Linden und U-Bhf. Stadtmitte. Dort gibt es keinen Radweg, keinen Schutzweg, nichts. Auf jeden 10ten Autofahrer kommt etwa ein Radfahrer (persönliche Schätzung zw. 9Uhr und 15Uhr, keine Fakten!). Auffallend ist, dass die Radler hier schnell, teils verdammt schnell unterwegs sind, egal ob mit einem Bäckerrad oder einem Fixie.

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Es ist im Allgemeinen ein Fahren auf Sicht von sowohl Auto- als auch Radfahrern, die Verkehrsregeln beachten hier die wenigsten, alle 30 Meter steht man vor überraschenden neuen Situationen, dabei hat hier keine Gruppe die gute oder böse Seite eingenommen, es gibt nette Autofahrer und skrupellose Radfahrer und auch vorrausschauende Radler und Autofahrer, denen alles andere außer das eigene Ich scheißegal ist! Beispiele? Na klar:

  • Ein Rennradfahrer (Fixie?) beschleunigt an der Ampel während der Betonlaster ebenfalls anfährt und aufgrund höherer Beschleunigung zum Überholen ansetzt, doch der Rennradler ist nun auch bei etwa 50km/h, bleibt gleichauf und verschwindet damit neben dem Laster im toten Winkel, während die 100m weiter gelegene nächste Fahrbahnverengung durch die mittig angelegten U-Bahnabgänge rasant näher kommt. Der Laster zieht zurück an den Straßenrand, ungebremst! Der Abstand zwischen Lenkerende und Betonlaster? Wenn das mal überhaupt 2 oder 3 Zentimeter waren ….
  • Gleicher Ort, wenig später, die Mama mit leerem Kindersitz fährt auf die Verengung am U-Bahnabgang zu und wird dabei von einem Reisebus überholt – WTF! Da passte keine Hand mehr zwischen Lenker und Bus!
  • Ein Range Rover überholt mit ausreichend Seitenabstand einen Radler und setzt sich vor ihn. Doch gleich danach bremst der Autofahrer den Radler aus, hält im Halteverbot an und geht in den nächsten Schmuckladen, so etwas kam mehrmals vor.
  • Zwei ortsfremde Radler auf Leihbikes schlingern langsam mitten auf der Friedrichstraße rum und lassen vermuten, dass sie links abbiegen wollen. Ein entgegenkommender Fahrer eines sehr teuren BMW verzichtet auf seine Vorfahrt und hält an. Obwohl die beiden Radler nicht wirklich schnell vom Fleck kommen, bleibt der Fahrer ruhig und wartet, er fährt erst weiter, als beide Radler sicher um die Ecke gekommen sind.
  • Stockender Verkehr auf der Friedrichsstraße, ein Mannschaftswagen der Polizei steht im Weg, die Autos fahren vorsichtig vorbei. Mit mehr als 50km/h zischt ein Rennradler zwischen Autos und Bordstein entlang, Ein Transporterfahrer hält kurz an und lässt zwei Damen von der anderen Straßenseite passieren, kurz vor dem rettenden Bodstein zischt der Rennradler vorbei, die Damen kamen mit einem gewaltigen Schreck um Haaresbreite davon.
  • In der morgendlichen Rush Hour sind Abstände von 30cm zu Fahrzeugen eher die Regel, ganz egal ob das Müttel mit Kindersitzen samt Kind, Rentner, Studenten oder Lastenradfahrer sind.
  • Auch wenn die Kutsche wirklich langsam war, die wenigsten Radler haben überholt, Autofahrer haben wenig bis keine Rücksicht genommen.

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Anders ist es nachmittags in den Nebenstraßen im Prenzlauer Berg. Eltern holen die Kinder von Schule und Kindergarten ab, die breiten Gehwege sind voll von Laufrädern, Kickboards, Rollern, und Fahrrädern. An den Kreuzungen gibt es kaum gefährliche Situationen, Taxis, Lieferwagen, Touristen, Baustellenfahrzeuge, fast alle fahren vorsichtig und vorausschauend, ich bin überrascht.

Ampler Showroom

Auf dem Weg zur Kulturbrauerei kamen meine Kollegen und ich am Kollwitzplatz vorbei … Moment, Kollwitzplatz? Kollwitzstraße? Dieser Name hatte irgendetwas mit meinem Blog zu tun, die Suchmaschine im Smartphone hilft meinen grauen Zellen auf die Sprünge, genau! Etwa 100m entfernt ist der Ampler Showroom, die Gelegenheit ein Ampler in Realität zu begutachten.

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FOTO: AMPLER

Von außen ist der Showroom nicht gleich zu erkennen, denn außen ist kein Schriftzug oder Ähnliches erkennbar. Drinnen wird grad ein Bike zur Wartung entgegengenommen, es ist sauber, minimalistisch, clean, aufgeräumt. Im Showroom stehen 6 Ampler-Modelle, im hinteren Raum sind 4 weitere Bikes mit dem Vorderrad nach oben nebeneinander aufgehängt. Ich bitte um eine Probefahrt, um die Kraft des eigens entwickelten Nabenmotors mal zu erfahren – Bingo, von Jasper bekomme ich ein mattschwarzes, cleanes Ampler Curt Singlespeed mit Riementrieb.

Er stellt mir die maximale Unterstützung ein und passt den Sattel an, dann geht es auf die Straße … ANTRITT. Mit leichten Geräuschen fängt der Motor an zu schieben, ich merke schnell, dass die Übersetzung weniger zum Ampelsprint taugt, sondern eher auf Endgeschwindigkeit ausgelegt ist. Diesen Nachteil beim Anfahren kompensiert ganz klar der Nabenmotor. 25km/h sind schnell erreicht, das Auskoppeln des Motors ist nicht wahrnehmbar, danach ist das Handling wie bei einem normalen Fahrrad – mehr treten bringt eine höhere Geschwindigkeit und einen schnelleren Puls. Doch das Ampler ist kein Fahrrad, es ist ein Designerstück, Statussymbol, ein auffällig unauffälliger moderner Klassiker in mattschwarz mit vielen, sehr vielen kleinen und großen durchdachten Details.

Nach wenigen Minuten stehe ich mit dem Curt wieder im Shop und stelle die üblichen Fragen:

  • Gibt es einen Tacho? (Konnektivität per Smartphone)
  • Kann man die Akkuzellen entnehmen? (Ja, wenn man unten das Tretlager ausbaut)
  • Wie lange hält der Akku? (Das kommt ganz auf den Einsatz an)
  • Werden die Bikes oft geklaut? (Das Curt am häufigsten wegen der Optik und Farbe)

Jasper steht Rede und Antwort, die Kollegen drängeln etwas gelangweilt und wollen weiter, ich bin sicher, Kaufinteressenten werden hier sehr gut beraten, Daumen hoch!

FOTOS: AMPLER

Etwas später sitzen die Kollegen und ich in der Nähe des Mauerparks und gönnen uns bei sommerlichen Temperaturen ein hopfenhaltiges Getränk einer lokalen Brauerei. Wir diskutieren über die Einsatzmöglichkeiten und die Fahrer von Ampler Bikes.

  • Kindersitz? Zerstört die Optik!
  • Kinderanhänger? Futsch ist der minimalistische Style!
  • Steile Straßen wie in Stuttgart? Wenn dann vielleicht mit Schaltung und nicht als Singlespeed.

Nach einiger Diskussion kommen wir zu folgendem Ergebnis:

  • Im flachen Berlin lohnt sich ein Ampler nur bei weiten Strecken.
  • Ein Ampler Fahrer legt Wert auf Stil und möchte den Antrieb im puristischen Bike möglichst unsichtbar haben.
  • Der Pflege- und Wartungsaufwand eines Amplers ist kaum höher als bei einem normalen Fahrrad.

Stilvolle Biker, die in flachen oder minimal hügeligen Städten wohnen und bei schönem Wetter nicht das Carsharing nutzen wollen, werden mit einem Ampler Curt glücklich sein, sofern sie das Bike geschützt in der Wohnung oder am Arbeitsplatz abstellen können. Jasper meinte, die Akku-Zellen im Unterrohr können 8 Jahre halten, das ist durchaus realistisch, aber nur, wenn das Curt oder jedes andere Ampler-Modell nicht jeden Tag für Stunden in der prallen Sonne im sommerlichen heißen Berlin abgestellt werden.

Die möglichen Einsatzereiche des Ampler Curt und meine realen täglichen Anwendungsfälle bilden lediglich eine homöopathische Schnittmenge – stilvoll und praxistauglich sind wohl nicht vereinbar, wenn dann nur zu einem überteuerten Preis.

Liebe Ampler Gründer, Ardo, Hannes und Rait, ihr habt ein wirklich tolles Konzept auf die Beine gestellt und mehrere echte Hingucker erschaffen, ich bin sicher, dass ihr mit den puristischen und stylischen Bikes sehr viele Kunden glücklich macht.

Tschüss Berlin, es hat echt Spaß gemacht!