Preise für gebrauchte Pedelecs

Angestoßen von einem Thread im An- und Verkaufs-Forum beschäftigt mich seit einiger Zeit die Frage: Was ist ein gebrauchtes Pedelec eigentlich noch wert? Wie wird der Preis bestimmt? Gibt es Regeln oder ist alles reine Willkür? Nun in ebay-Kleinanzeigen bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Bei mittlerweile 600.000 verkauften Pedelecs in Deutschland pro Jahr kommt zwangsläufig die Frage auf, wann die mehr oder weniger benutzten Bikes in den Verkaufsplattformen landen.

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Herstellerangaben des Stevens E-Caprile (2015)

Doch wie bestimmt man einen Preis bei Pedelecs, die nicht so oft in diversen Verkaufsportalen angeboten werden? Wovon ist die Preisgestaltung abhängig?

  • vom UVP oder dem originalen Kaufpreis
  • vom Alter des Pedeles bzw. der Antriebskomponenten Motor und Akku
  • von der Kilometerleistung des Rahmens, der Komponenten und des Antriebssystems
  • vom Zustand der Verschleißteile (Bremsen, Kette, Kassette, Ritzel, Reifen)
  • vom optischen Zustand (vorsichtige materialschonende Fahrweise oder eben nicht)
  • Zubehör
  • Reparaturen im Rahmen der Gewährleistung (neuer Motor, Akku, Schaltung, etc.)

Das oben gezeigte Stevens war vergleichsweise teuer und hat erst wenig Kilometer, der Preis scheint nicht zu hoch – oder doch? Hier ein Vorschlag vom Pedelecmonitor zur Preisfindung. Der Verkaufspreis bzw. Wert setzt sich zu sammen aus

  1. Kaufpreis ohne MwSt.
  2. Wertminderung durch die Nutzung
  3. Wertminderung bei schlechtem Zustand der Verschleißteile
  4. Werterhöhung durch Zubehörteile und
  5. Werterhöhung durch Neuteile, die im Rahmen der Gewährleistung getauscht wurden

Nehmen wir das obige Beispiel:

  1. 3.299€ * 0,81% = 2.672€, als Gebrauchtkäufer zahlt man keine MwSt.
  2. 2.672€ * (2.450km Fahrleistung / 20.000km erwartete Lebensdauer) = 327€
  3. Hier sollte individuell geprüft werden, da die Ersatzteilpreise je nach Qualität und Anwendungsgebiet stark variieren. Da neue Reifen und Bremsbeläge verbaut wurden, sollte der Verschleiß noch an Kette und Kassette genaustens geprüft werden. Die Lebensdauern dieser Komponenten beim Tourenrad könnten bei ca. 5.000km liegen. In diesem Fall würde 50% des Preises für die Neuteile abgezogen werden. Schätzwert: 50€
  4. Kein Zubehör vorhanden
  5. Keine Gewährleistungsfälle

Der Verkaufspreis würde also beim Stevens also 2.672€ – 327€ – 50€ = 2.295€ betragen.

Warum konnte das Bike nun nicht verkauft werden? Vielleicht folgende Gründe:

  • Bosch hat als Standart Akku die 500Wh eingeführt
  • Der Wohnort ist ungünstig für eine Abholung, da keine Lieferung abgeboten wurde
  • Ein Trekking Pedelec ist einfach nicht so cool wie ein eMTB
  • Das Forum war für das Verkaufen meinfach der falsche Ort
  • Käufer, vor allem Neukäufer wollen eine lange Gewährleistung und einen Ansprechpartner in der Nähe, falls es doch mal Probleme gibt.

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Ganz anders ist die Preisfindung bei Hardtail und Fully Pedelecs. Hier sind die zu erwartenden Lebensdauern der Komponenten einfach nicht so hoch. Beispiele?

  • für gewöhnlich sind die NobbyNics bereits nach 2.000-3.000km auf dem Hinterrad abgefahren
  • eMTB Fahrer bremsen anders, häufiger, stärker, abrupter
  • Die Motoren in eMTBs sind softwareseitig anders angepasst, für ein schnelles Ansprechverhalten (Stichwort eMTB-Modus bei Bosch)
  • Das starke Drehmoment gepaart mit den üblichen Einflüssen der gefahrenen Strecken (Wald- und Feldwege i.d.R. mit Staub, Matsch, Dreck, Schnee, usw.) führen zu einem schnelleren Verschleiß der kraftübertragenden Komponenten Kette, Kassette und Motor-Zahnkranz bzw. Ritzel.

Aus diesen Gründen scheint eine realistische zu erwartende Lebensdauer von 10.000km für Motor und Akku angemessener. Für die Verschleißteile könnten auch Zustandskategorien eingefügt werden, die einen Pauschalen Abzug vom Verkaufspreis führen. Beispiel Zustandskategorie:

  1. Verschleißteile fast neu -> kein Abzug
  2. Verschleißteile max. 500km -> 50€ Abzug
  3. Verschleißteile max. 1.000km -> 100€ Abzug
  4. Verschleißteile weit über 1.000km -> 200€ Abzug

Gerade bei eMTBs gibt es riesen Qualitätsunterschiede in der Wahl der Komponenten, sodass bei Hochpreisigen Pedelecs an dieser Stelle die Preise etwas nach oben angepasst werden müssen. Für ein gewöhnliches eMTB in der Preisklasse 2.500 – 4.000€ sollten die Werte in etwa stimmen.

Test_Cubes

Der Pedelecmonitor Ansatz steht frei zur Diskussion. Demnächst kommen Praxisbeispiele um zu sehen, ob der Ansatz passt.

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